• Anton Pilgram:

"WECKENMÄNNLE",
kniender Steinträger


Um 1480
Aus Rottweil. Ursprünglicher Standort unbekannt. Vermutlich als Tragfigur unter einer Steinkanzel oder dem Sakramentshaus in der Kapellenkirche, zuletzt in der Nische über der Westrosette des Kapellenturms.

Schilfsandstein. Rund bearbeitet. Ursprünglich mit einer Bodenplatte aus dem gleichen Block gehauen, bei einem Abbruch davon losgeschlagen, zur Ausstellung mit den stehengebliebenen Steinbossen unter der rechten Stiefelsohle und dem linken Knie in eine Sandsteinplatte eingelassen und mit einem Eisenstab im Rücken gestützt. Beide Beine unter den Knien abgebrochen, rechts wieder angesetzt, links verloren. Nase und Zunge abgeschlagen. Lastenstein verändert. Geringe Stoßstellen und Verwitterungen. Wenige Farbreste einer alten Fassung: Unterlippe bis zur Bruchstelle rot, Fältelung auf dem Brustlatz mit schwarzen Linien. H 82 cm, B 41 cm,
T noch 46 cm. Ohne Zeichen.


 

*

 

Unter der Steinlast in die Knie gesunken und gebeugt, mit von der Anstrengung gezeichneten Zügen, gekleidet in der zeitgenössischen Tracht der Werkgesellen, vorn den Wecken im offenen Wams, hinten das glückbringende Hufeisen im Gürtel, so hat sich Anton Pilgram in diesem Frühwerk vermutlich selbst dargestellt. Der Steinträger kniet in gebeugter Haltung auf dem linken Knie, den Kopf in den Nacken geworfen, den Baustein auf der hochgezogenen rechten Schulter aufgesetzt und mit der rechten Hand gehalten, während der linke Arm entspannt zum rechten Oberschenkel greift. Zur Tracht des Werkgesellen gehört ein Schlapphut mit breitem Rand. Das Wams mit langen Ärmeln ist vorne weit geöffnet. In den Ecken der Aufschläge sind je zwei Schnürlöcher angebracht. Auf dem glatten Brustlatz ist noch eine mit schwarzen Linien aufgemalte Fältelung zu erkennen. Die eng anliegenden Hosen spannen über Schenkel und Knie. Der weich geformte Stiefelschaft sinkt ohne Halt zusammen und legt sich wie die weiten Ärmel des Lederwamses kreuz und quer in Falten. Das Hufeisen hinten im Gürtel ist der Glücksbringer auf dem gefährlichen Weg über das Baugerüst. Der Spitzwecken vorn im Wams ist als Lohn für den Frondienst gedeutet worden. Von diesem Wecken hat das Männle seinen Namen im Volksmund erhalten. Die erbarmenerweckende Gestalt, das mitleiderregende Antlitz des unter der Steinlast gebannten Werkgesellen haben das "Weckenmännle" zu einem volkstümlichen Kunstwerk werden lassen. Daß dem Männle die Nase und wohl auch die im Aufschrei im Mundwinkel hängende Zunge abgeschlagen wurde, ist schwer zu verstehen. Auf dem wechselvollen Weg bis in die Museumskirche hat der kniende Steinträger auch das linke Bein vom Knie ab verloren. C. von Langen berichtet 1821 erstmals von der Figur des knienden Steinträgers. Sie sei "auf der Rückseite" des Kapellenturms angebracht gewesen, von den Jesuiten beim Bau des barocken Kirchenschiffs, also um 1727, abgenommen und aufbewahrt worden, weil der Standplatz überbaut werden mußte. Diese Nachricht kann jedoch nicht stimmen, weil das neue Kirchendach nicht höher an der Turmwand hinaufreicht als das alte. Der Standplatz müßte also noch zu sehen sein. Wie von Langen weiter berichtet, war die Figur damals noch "an der Mauer gegen die St. Annenkirchen (hinter dem Spital) im Collegii-Garten (der Jesuiten) zu sehen". Rund hundert Jahre war das Weckenmännle hinter dieser Gartenmauer den Blicken entzogen und schutzlos dem Wetter ausgesetzt, bis das Jesuitenkollegium in das Konvikt umgewandelt wurde. Nach Steinhauser erhielt die Figur wahrscheinlich im Jahre 1824 einen Platz auf der Westseite des Kapellenturms, hoch oben in der Nische über der Westrosette. Ein Foto von Hebsacker, aufgenommen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, läßt das Weckenmännle dort deutlich erkennen. Die Wahl dieses Standplatzes für den am Turmbau Frondienst leistenden Steinträger war scheinbar gut getroffen, doch das Weckenmännle ist für die Ansicht aus der Nähe geschaffen worden und schaute nicht auf den Kapellenhof herab, sondern gen Himmel. In der tiefen, wie angemessenen Fensternische war das Weckenmännle immerhin nicht ganz ohne Schutz vor dem Wetter aufgestellt, bis es im Zuge der 1907 begonnenen Erneuerungsarbeiten am Kapellenturm von seiner hohen Warte heruntergeholt und in die Sakristei der Lorenzkapelle gebracht wurde. Dort drohte es wieder in Vergessenheit zu geraten. Erst 1929 erhielt das Weckenmännle einen geeigneten Platz im Chor der Kapelle und kniet seit 1955 wieder auf einer Steinplatte, im Rücken gestützt. Baum würdigt den "Mann als Träger" im Katalog der Kunstsammlung von 1929 nur einer knappen Beschreibung. Die von ihm angegebene Entstehungszeit um 1490 leitet die Forschung richtig weiter. Steinhauser bemüht sich wiederholt um die Deutung und den ursprünglichen Standplatz des Weckenmännles, bis 1937 eine Zeitungsabbildung von dem Kanzelträger aus der Stiftskirche in Öhringen, jetzt Berlin (Stiftung Preußischer Kulturbesitz), seine Aufmerksamkeit erregt wegen der auffallenden Ähnlichkeit mit dem Rottweiler Weckenmännle. Nur die Haltung beim Tragen der Steinlast ist seitenverkehrt, aber selbst Wecken und Hufeisen sind beigegeben. Demmler beurteilt nach dieser Entdeckung auch den Rottweiler Steinträger wie den Öhringer Kanzelträger als Frühwerk des Anton Pilgram und datiert es um 1490, früher als das von ihm geschaffene Sakramentshaus in der Kilianskirche in Heilbronn mit den Darstellungen von Meister und Lehrling auf der einen, dem Gesellen auf der anderen Seite der Treppenspindel. Oettinger ordnet das Rottweiler Weckenmännle 1492 in das Lebenswerk Pilgrams ein und findet in den wenig schönen Gesichtszügen des Bildwerks Ähnlichkeiten mit anderen Selbstdarstellungen des Meisters. Fast zwei Jahrzehnte wirkte Meister Anton Pilgram in Neckarschwaben, in Rottweil, Tübingen, Heilbronn, Heutigsheim, Ohringen und Schwieberdingen. Überall schuf er seine bildnishaften, lastentragenden Figuren in Handwerkstracht, Meister und Gesellen, unter Kanzeln und Sakramentshäusern. Dann kehrte er in seine Heimat nach Brünn in Mähren zurück. Aber sein Ruf führte ihn weiter nach Wien, wo er im Stephansdom auf dem Konsolstein des Orgelunterbaus sich selbst im lastentragenden Brustbild darstellte. Mit seinem bekanntesten Selbstbildnis, dem "Fenstergucker" unter der 1515/16 geschaffenen Steinkanzel im Wiener Stephansdom hat sich Anton Pilgram selbst ein Denkmal gesetzt. Pilgram scheint seine Laufbahn in Rottweil begonnen zu haben, wo er nach einer wahrscheinlich an den oberrheinischen Münstern verbrachten Schulung das Weckenmännle um 1480 als frühestes der ihm zugeschriebenen Werke schuf. Für die Deutung des Rottweiler Weckenmännles als Kanzelträger sprechen vor allem die Beispiele aus Öhringen und Heutigsheim bei Ludwigsburg, wo in der evangelischen Kirche die tragende Figur noch unter der Kanzel zu finden ist. In ähnlicher Weise kann auch das Weckenmännle lastentragend unter einer Steinkanzel gekniet haben. Der Werkstein auf seiner Schulter scheint verändert worden zu sein. Wahrscheinlich war er größer, besonders zum Kopf hin, und könnte, wie bei dem Öhringer Beispiel, eine profilierte Form gehabt haben, welche zum Kanzelkorb überleitete. Aber auch die Aufstellung des Weckenmännles unter einem Sakramentshaus muß in Betracht gezogen werden. Am 28. März 1478 verdingen die Pfleger der Kapelle Unserer Lieben Frau zu Rottweil dem Meister "Albrecht Georgen Stainmetzen zu Stutgart . . . auch ain Sacrament Hauss nach seinen Ehren . . ." Diese Verdingung erfolgte im Rahmen der spätgotischen Erneuerung des Chores der Kapellenkirche. Der im neckarschwäbischen Raum vielbeschäftigte Meister Aberlin Jörg, wie er sonst in der Kunstgeschichte des Landes genannt wird, wirkte auch in Rottweil beim Bau der achteckigen Geschosse des Kapellenturms. Zur Ausführung der Aufträge brachte Aberlin Jörg Werkleute von überall her. So könnte er für die Ausführung des Sakramentshauses im Chor der Kapellenkirche auch den jungen Anton Pilgram nach Rottweil gezogen haben. Der ursprüngliche Platz des Weckenmännles war auf keinen Fall hoch oben am Kapellenturm, denn es ist für eine nahe Sicht gearbeitet. Auch die Ansicht der Rückseite ist beabsichtigt. Sein Platz war vielmehr am Boden, wo es hilfesuchend zum Betrachter aufschaute. Bis zur barocken Neugestaltung der Kapellenkirche im Jahre 1721 hatte es seinen Platz im Chor dieser Kirche. Das Weckenmännle hat beim Abbruch Beschädigungen erlitten, wogegen die Witterungsschäden während seines Aufenthaltes im Freien gering sind.

Lit.: von Langen, 1821, S. 313ff. — Ruckgaber, 1836,11, 1, S.323 Anm. 205. — Baum, 1929, S. 48, Nr. 149. — Demmler, 1938, S. 165ff. — Steinhau ser, 1939, S. 81 ff. Abb. 14, 16. — Oettinger, 1951, S.105, Nr. 5. Abb. 9, 21, 24.