• Meister des Breisacher Stephanus-Bogenfeldes :

PROPHET
mit übergeworfenem
Mantel



Um 1350
Aus Rottweil. Vom Prophetenzyklus über dem Südportal des Kapellenturms, obere Reihe Konsole 8

Schilfsandstein. Rund bearbeitet. Beide Hände mit Teilen der Unterarme und Attribut abgebrochen.
Mantelfalten vor dem Körper, Gewandfalten am Boden,
Bodenstück ringsum abgebröckelt.
H 141 cm, B 47cm, T 31 cm.
Eisenring im Rücken angebracht. Nummer Xlll
(ohne Querstriche) über dem linken Schulterblatt
neu eingehauen.
Ohne Zeichen.


 

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Der Prophet mit dem schwungvoll über den Kopf geworfenen Mantel stand auf der letzten Konsole der oberen Figurenreihe. Er wirkte dort sicher fremd, denn er ist nicht nur größer, breiter und gewichtiger, sondern auch von unverwechselbar persönlichem Stil gegenüber allen andern Propheten dieses Zyklus. Die großartige Bewegung, die von der abgesetzten linken Schuhspitze über den schwungvollen Faltenwurf der Gewänder bis zum umhüllten Haupt aufsteigt, das ausdrucksvolle, die glühende Erregung bis in die Bartwellen ausstrahlende Antlitz sind von einmaliger und eigenwilliger Art. Keine der maßvoll schlanken und hohen, nach dem idealen Kanon des Marienmeisters angelegte Figur, sondern eine kraftvoll schwellende, dem Leben nachempfundene Gestalt ist hier in den Steinblock gehauen worden. Nicht der hinter Faltenmassen verborgene Kontrapost, sondern die in Bewegung geratene Leibhaftigkeit ist das Motiv dieser Figur. Barock geschwungene Faltenzüge und große, nüchtern den Stein zeigende Flächen werden in hartem Kontrast als künstlerische Ausdrucksmittel verwendet. Die Stellung der Beine wird durch die knapp unter dem am Boden gestauten Gewandsaum vorstehenden Schuhspitzen angezeigt. Das Knie des seitlich vorgesetzten Spielbeines hebt sich deutlich in der vollen Form einer Gewandfalte ab. Die rechte Hüfte wird stark herausgedrückt und durch den Schwung des über den Leib gezogenen Manteltuchs betont. Eine überhängende Gewandfalte markiert die Gürtellinie. Die kraftvolle Wölbung der Brust ist mit leichten Fältelungen des Gewandes belebt. Wie vom Wind aufgeblasen spannt sich das Manteltuch in voller Form über Kopf und Schultern und gibt dem fein geformten Gesicht einen tief profilierten Rahmen. Die Erregung, welche den Körper in mächtige Spannung versetzt und von den weit ausholenden Schwüngen des Faltenwerks betont wird, bebt in den Zügen des Gesichts leise nach und verebbt in den Wellen des Barts. Der Mund steht offen, wie nach einem Freudenschrei. Die Erhebungen von Stirn, Nase und Wangen blühen fleischig voll, wie auch die Wölbungen um Haupt, Schultern, Arme, Brust, Hüfte und Knie: Eine Leiblichkeit, die selbst hinter den geschwellten Flächen der Gewänder zu spüren ist. Die Haltung der Hände läßt sich nur noch vermuten. Die linke Hand kann das Schriftband hochgehalten haben. Der rechte Unterarm klemmt einen Bausch des Mantels in die Hüfte, so daß die freie Hand vermutlich auf das Schriftband zeigte.
Die Rückseite der Figur ist nicht vollplastisch bearbeitet. Das doppelt umgelegte Manteltuch fällt in gewellten Flächen öde und leer vom Hinterkopf über den Rücken. Hinter den Oberarmen stufen sich verflachte Tütenfalten ab. Die Mantelsäume kleben auf den darunterliegenden Stoffschichten fest. Nur die Gewandfalten sind etwas tiefer gehöhlt, jedoch am Boden verwittert. Diese Art der Behandlung ist bei keiner der andern Figuren wiederzufinden. Hartmann weist darauf hin, daß in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts am Oberrhein eine Truppe von Bildhauern tätig war, deren Arbeiten denen der älteren Varianten des Rottweiler Stils durchaus ähnlich sehen und nennt als Beispiel das Bogenfeldrelief über dem Westportal des Breisacher Münsters. Beenken schreibt den Rottweiler Propheten mit dem übergeworfenen Mantel dem Meister des Breisacher Stephanus-Bogenfeldes zu, der nach seiner Auffassung als Mitarbeiter des Prophetenmeisters auch die sitzende Marienfigur geschaffen hat. Baum betrachtet diesen Propheten zuerst als Werk des Prophetenmeisters, schließt sich aber später der Auffassung Beenkens an. Beeh benennt den Urheber der Figur als Meister des Propheten Nr. 9 und weist ihm auch den Propheten Nr. 12 seines Katalogs zu (hier 28). Der Prophet mit dem übergeworfenen Mantel ist mit Sicherheit kein Werk des Marienmeisters, denn er entspricht nicht dessen Figurentypus. Er dürfte auch kaum unter der Leitung des Marienmeisters von einem Mitarbeiter ausgeführt worden sein, denn sonst würde er sich den Maßen der andern Figuren besser anpassen. Es handelt sich vielmehr um eine eigenständige Leistung von hoher künstlerischer Qualität, um ein vereinzeltes Meisterwerk. Eine Verwandtschaft mit dem plastischen Stil des Breisacher Stephanus-Bogenfeldes ist nicht zu verkennen, und so bleibt die von Beenken eingehend begründete Zuschreibung bestehen.

Lit.: Hartmann, 1910, S. 9, 13 f und 38; Abb. Tafel 4, Nr. 2. — Baum, 1921, Abb. 93 (Mitte) und 94 mit Text S. 157 f. — Beenken 1927, S. 158 f, Abb. 90, 91. — Pinder, 1929, S. 36. — Baum, 1929, S. 20; S. 25, Nr. 17 mit Abb. S. 12, 15. — Beeh, 1959, S. 151 f, Nr. 9 und 12. — L'Europe Gothique Xlle XlVe Siecle, Katalog der 12. Ausstellung des Europarats in Paris, 1968, S. 103 f, Nr. 180.