• Nachfolge-Meister:

PROPHET
mit Stirnglatze



Um 1360
Aus Rottweil. Vom Prophetenzyklus über dem Südportal
des Kapellenturms, untere Reihe Konsole 14


Schilfsandstein. Rund bearbeitet. Teil des linken Unterarms mit Hand,
Attribut und Mantelfalten abgebrochen.
Teil des rechten Unterarms und der Hand,
Mantelfalten vor dem Körper, beide Schuhspitzen,
Gewandfalten am Boden, Bodenstück ringsum abgebröckelt.
Brustfläche durch fünf flache Löcher beschädigt.
H 119 cm, B 40 cm, T 26 cm. Eisenring im Rücken angebracht.
Nummer V (ohne Querstriche)
zwischen den Schulterblättern neu eingehauen.
Ohne Zeichen.


 

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Der heftig aufwallende Prophet mit der kahlen, gerunzelten Stirn und dem strähnigen Wellenbart stand zuletzt am rechten Ende der unteren Figurenreihe. Dies war wahrscheinlich nicht sein ursprünglicher Standplatz, denn so stand er abgewandt von seinem Nachbarn und rief seine Prophezeiung beziehungslos in die Weite. Die Gestalt des Propheten ist breit und untersetzt im Block angelegt. Die Ausbiegung der linken Hüfte bleibt hinter den Faltenmassen versteckt, deren Zug vom hochgehobenen linken Arm zum weggesetzten rechten Fuß geht. Der Oberkörper mit den breiten, gerundeten Schultern beugt sich zurück. Das Haupt ist vorgesunken und nach links gewendet. Das gescheitelte Haar fällt in strähnigen Wellen auf die Schultern. Über der von Unmutsfalten zerschnittenen Stirn fehlt eine verwitterte Locke und läßt den Schädel kahl erscheinen. Die Augenbrauen sind heftig zur Nasenwurzel zusammengezogen und beschatten den scharf geradeaus gerichteten Blick. Eine schmale Nase, eingesunkene Wangen, ein weit geöffneter Mund, in dem die lückenhafte obere Zahnreihe sichtbar ist, und die in dicken Strähnen widerstrebend auseinanderfahrenden Bartspitzen vervollständigen den Ausdruck heftiger Aufwallung. Die abgebrochene linke Hand hielt vermutlich die Schriftrolle hoch, während die rechte geöffnet in den Mantelfalten vor dem Körper lag. Das Faltenwerk erscheint wie platt gepreßt, und die Mantelsäume hängen schleppend. Die flach bearbeitete Rückseite der Figur wird in der Mitte von einer Querfalte geteilt. Die beiden hinter den Oberarmen schlaff hängenden Tütenfalten erinnern an lebhaftere Vorbilder bei den Apostelfiguren. Hartmann weist die vier kleineren Prophetenfiguren der Nachfolge des Prophetenmeisters zu. Beenken schreibt den in heftiger Aufwallung begriffenen Propheten dem Apostelmeister als Spätwerk zu. Baum findet diese Figur und die Prophetenfiguren 27 und 28, sowie die Christusfigur 13 bezeichnend für die Art des Apostelmeisters. Beeh weist dieses Werk dem Meister des Propheten Nr.10 seines Katalogs zu (hier 26), der nach seiner Auffassung auch den Propheten 27 geschaffen hat. Im Widerstreit dieser Meinungen kann klärend festgestellt werden, daß zwischen dem Figurentypus des Marien- wie des Christusmeisters und dem der kleineren Propheten ein augenfälliger Unterschied besteht. In dem dieser Figurengruppe zugrunde liegenden Kanon mißt der Kopf knapp ein Sechstel der ganzen Größe. Ein Mitarbeiter des Christusmeisters hat nach dessen Weggang den Prophetenzyklus vollendet.

Lit.: Hartmann, 1910, S. 13 f; Abb. Tafel 5, Nr. 9. — Beenken, 1927, S. 193 ff mit Abb. 115. — Baum, 1929, S. 26, Nr. 21 mit Abb. S. 17; S. 20. — Beeh, 1959, S. 152, Nr. 13; S. 151, Nr. 10 und 11.