• Marienmeister (?):

"BRAUTRELIEF"



Ein gewappneter Ritter steckt der geschmückten Braut den Ring an
Um 1330
Aus Rottweil. Vom Kapellenturm. Bogenfeld von der Eingangspforte zum südlichen Treppenturm Schilfsandstein. Steinplatte mit Relief, ursprünglich als Türsturz eingesetzt. Rückseite neu behauen und leicht gewölbt. Bogenfeld ohne Spitze, seitlich von zwei Hohlkehlen umrahmt, unten durch Hohlkehlen mit Stab begrenzt. Platte durch Risse im mittleren Drittel und am rechten Rand gespalten, auf der Rückseite mit Zement ausgeflickt und von zwei waagrecht verspannten Eisenklammern zusammengehalten. Relief stark verwittert. Unterarme und Hände der Figuren abgebröckelt. Steinplatte H 75 cm, B 106 cm, T 17,5 cm. Bogenfeld B 74 cm, T 13,5 cm. Stein mit der Bogenspitze nicht erhalten.


 

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Die Steinplatte mit dem Brautrelief war über der Eingangspforte des südlichen Treppenturms als Türsturz im Mauerwerk eingesetzt. Sie wurde 1928 wegen der starken Verwitterung des Reliefs aus der Mauer gelöst und durch eine gut ergänzte Nachbildung ersetzt. Im Bogenfeld knien die beiden Figuren unter bestmöglichster Ausnutzung des Raumes einander gegenüber und beugen sich so weit vor, daß sie einander von Angesicht zu Angesicht nahe sind. Die Oberkörper sind auf der dem Beschauer zugewandten Seite mit dem gebeugten Arm auf dem Oberschenkel des hochgestellten Beines abgestützt. Der Kopf der Braut ist mit Schleier und Blumenkranz geschmückt. Das Haar fällt in kräftigen Wellen seitlich bis zum Ellenbogen herab. Das im Profil beschädigte Antlitz scheint zu lächeln. Wangen und Kinn sind weich gerundet. Über die gespannt gewölbten Formen des Oberschenkels fallen die schlängelnden Säume des Mantels herab und stoßen gegen die am Boden liegenden Faltenbäusche des Gewandes. Der Ritter trägt eine Kettenrüstung: über dem Kettenhemd einen bis über das Knie reichenden Waffenrock, auf dem Kopf eine Helmbrünne, daran angehängt eine die Schultern überdeckende Halsbrünne. An der linken Seite hängt ein Schwert am Wehrgehänge.

Aus dem Ausschnitt der Brünne schaut ein jugendlich freundliches Gesicht, dessen Mund zu sprechen scheint. Die fein gemeißelten Reihen der Kettenglieder sind verhältnismäßig gut erhalten. Im originalen Relief fehlen die Hände des Paares, welche in der Nachbildung so ergänzt sind, daß der Ritter mit seiner Linken den Ring an die Rechte der Braut steckt, während die andern Hände ineinanderliegen. In der Nachbildung fehlt bereits ein Stück der linken Hand des Ritters. Die ansprechende Darstellung der Verlobung
von Ritter und Braut, eine anscheinend weltliche Szene in der religiösen Bilderfolge am Kapellenturm, hat vielen Betrachtern ein Rätsel aufgegeben, das Kunstwerk aber sehr volkstümlich gemacht. Die Abbildungen, tiefsinnigen Betrachtungen und widersprechenden Deutungen mehrten sich: Man verwies auf Brautportale und Hochzeitspfeiler anderwärts und stellte sich das Eheversprechen adeliger wie bürgerlicher Brautpaare vor dem Kirchenportal vor. Man verglich mit Stifterfiguren an oder in deutschen Domen und suchte nach Stiftern für den Turmbau in Rottweil. Man fand Beispiele profanen Inhalts, wie die Studentenbilder an der Kathedrale Notre Dame von Paris oder die Monatsbilder an der Straßburger Münsterfassade, und brachte das Brautrelief wie das Buchrelief in Zusammenhang mit weltlichen Amtshandlungen auf dem Kapellenhof vor versammeltem Volk. In einem sind alle Deutungen einig: Das Brautrelief ist ein Sinnbild der Liebe. Beeh vertritt die Auffassung, daß es sich beim Brautrelief um eine rein profane Darstellung der zivilrechtlichen Eheschließung handelt, die im Vorraum des Westportals vor dem Schultheiß und Zeugen vollzogen wurde. Er sieht in der Anbringung des Brautreliefs am reichsstädtischen Bauwerk eine Demonstration der Rottweiler im Streit mit ihrem Bischof um die alleinige Abhaltung kirchlicher Trauungen in der Pfarrkirche zum Heiligen Kreuz. Schließlich weist Beeh auf Beispiele mit Kompositionen kniender Liebespaare in der höfischen Kunst hin und findet, daß das Galante und Höfische vom Rottweiler Meister verinnerlicht worden ist. Franz Betz stellt das Rottweiler Brautrelief neben die aus der Christusmystik entstandenen Christus-Johannes-Gruppen der schwäbisch-ale- mannischen Kunst des 13. und 14. Jahrhunderts. Er ordnet das Motiv des Brautreliefs in das christologische Bilderprogramm des Kapellenturms ein. Danach ist in dem jugendlichen Ritter Christus, in der vornehmen Braut die Menschenseele zu sehen.

Betz wird darin überraschend bestätigt durch den Fund einer literarischen Kostbarkeit, die das Geheimnis des Brautreliefs zu lösen vermag. Winfried Hecht fand 1971 in der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen eine Handschrift, die aus dem Rottweiler Dominikanerkloster stammt und 1360 von dem Dominikaner Jacob Winman geschrieben worden ist. Als Nachtrag steht, von gleicher Hand und wohl wenig später geschrieben, der Inhalt einer Predigt, die hier erstmals im vollen Wortlaut wieder gegeben wird: "von Vasnacht Krapfen
Welher mensch ain edelen vasnacht krapfen woel und auch essen der sol disser andechtigen ler in sinem herzen nitt vergessen, Wen zuo aim ietlichen fasnacht krapffen gehoerent acht dinck. Zuo dem ersten Semelin mel, aijer, Wasser, gewürzte fuell, salz oel, fuir und ain pfan dar in der krapf gebachen werd- — Waß betuettend disse acht dinck; daz semel mel bedeut ain rein lutter leben mit ainer starcken guotten gwissen. Die aijer bedeutend ain andechtig gebet und ain loblich oppfer dem almechtigen got ze lob und ze ere. Die temperier und vermisch under ain anden denn mitt wasser ainer waren vollkomnen reu diner sunde. Dar nach salz den taig mit bescheidenheit und mit ainem geistlichen ruewmuettigen leben. Uss dem taig daz ist uß dim herzen und mach dar uß ain krapffen der got wol gefellichen ist und sy und fuell denn den krapffen mit dem gewirz ains andechtigen betrachen des herten sterben und lidens unsers hern Jhesu Christi dar in fuendest tu sushekeit und wollust nach begird dinnes herzen. Darnach wirff den krapfen in das oell siner grundlosen barmherzekeit und laß in bachen in der wol hitzigen pfannen dines andechtigen herzen yn inpristiger göttlicher lieby. Und lauß in auch wol praun werden in dem warmen fuer sines rosenfarbenen bluots in andechtiger prinender lieb. Den krapfen send Junckher Jhesus dinem bensundern geistlichen gespuns zwischen zwein silbren schuisseln, die under schissel sol sein willige gehorsamkeit aller gotlichen dinck nauch dem willen gottes; Die ober schuessel sol sin ain emsige begerung aller himlischen ding. Die zwuo silbren schueslen suellent sin verdeckt mit ainer wissen zwechel ains guotten und wol bewerten sehnenden exempels aller obgenanten ding. Wer sol aber die schuissln mitt dem edelgezierttn krapfen schenken dem zarten gespons Christo Jhesu. niemant anderst den die edle reine sel die sol in wissem klaid aller unschuld gekleidet sin. Ain guldin krenzlin sol auch hangen an irm herzen mit dem sie erloest haut Jhesus ir gemachel von dem ewigen tod. Sie sol auch haben an irm halz ain groeneß krenzlin von mengerlen wolschmekenden pluomen aller guotten werck die sie getaun haut her in diser zit. Mit der also wol gezierten sel wirt Jhesus fasnach haben und sie auch zuo hus laden in daz ewig leben Und wirt mit ir teilen sin wolschmekenden himlischen fasnacht krapfen mit ueberfliessigen gnad Inn sim rechten vatter land Und wirt ir dar nauch uff sezen und zuo lone geben ain schoen kron von gold und von edelm gestein zue aim zaichen daz sie ueber wonden haut all widerwertigkeit diser welt und wirt ir auch ain guldin fingerlin an stossen zuo air bestetung daz sie ewigklich an end nimer mer von irm geistlichen vasnacht buoln vertriben sol werden uss dem ewigen leben daz geschech uns allen A m e n "

In diese Richtung gingen die Vorstellungen der Mystik von dem zur Fasnacht gehaltenen Liebesmahl, der Vermählung der bräutlich geschmückten Seele mit "Junckher" Jesus. Die Übereinstimmung der Predigt mit dem Brautrelief legt die Vermutung nahe, daß die Dominikaner in Rottweil bei der Konzeption des Bilderschmucks am Kapellenturm mitgewirkt haben.
Die Zeitangaben für die Entstehung des Brautreliefs unterscheiden sich um ein halbes Jahrhundert. Maurer bestreitet die Datierungen von Hartmann (1330), Beenken (nach 1331), Schmitt und Baum (1345) und setzt die Zeit auf Grund einiger Merkmale der Ritterrüstung um mindestens zwei Jahrzehnte früher an, also auf den Anfang des 14. Jahrhunderts. Unbeachtet blieb bis jetzt, daß die Reliefs über den Eingangspforten der Treppentürme schon bald nach Beginn des Turmbaus entstanden sein müssen, denn die großen Steinplatten hatten eine tragende Funktion als Türsturz im Mauerverband, anders als bei den drei breiten Turmportalen, wo die Last der Turmwand von den Spitzbogen übernommen wird, die Reliefs nur Füllwerk sind und von einem Mittelpfeiler abgestützt werden. Weil aber sichere Baudaten fehlen, wird hier die Entstehung um 1330 oder früher angenommen. Obwohl das Buch- wie das Brautrelief verschiedene Bogenprofile und Bildtiefe haben, dürften sie fast gleichzeitig entstanden sein. Für eine sichere Zuweisung der Treppenturmreliefs an den Marienmeister gibt es wegen des schlechten Erhaltungszustandes kaum noch geeignete Stilmerkmale zum Vergleich mit der Marienstatue oder mit den von seiner Hand geschaffenen Prophetenfiguren. Aus der frühen Entstehungszeit der Treppenturmreliefs, aus der ähnlichen Kompositionsweise und dem gleichartigen Reliefstil wie bei der Engelgruppe des Südportalbogenfeldes kann jedoch die Urheberschaft des Marienmeisters mit einiger Wahrscheinlichkeit abgeleitet werden.

Lit.: Hartmann, 1910, S. 37 mit Abb. Tafel 2. — Beenken 1927, S. 192f. — Baum, 1929, S. 20. — Steinhauser, 1948, ohne Seitenzahlen, Abb. 14. — Beeh, 1959, S. 90ff. — Maurer, 1963, S. 8 ff mit Abb. — Beeh, 1969, S. 110f mit Abb. 8. — Hecht, 1971, 1. — Betz, 1972, Nr. 1. — Hecht, 1973.