• Christusmeister:

APOSTEL mit Buch


Um 1350
Aus Rottweil. Vom Apostelzyklus über dem Westportal des Kapellenturms,
mittlere Reihe Konsole 8

Schilfsandstein. Rund bearbeitet. Linke Hand verstümmelt. Zehen beider Füße abgebrochen. Gewandfalten am Boden, Bodenstück ringsum abgebröckelt.
H 114 cm, B 44 cm, T 34 cm.
Eisenstäbchen zwischen Buch und Oberarm, Eisenring zwischen den Schulterblättern angebracht. Nummer Vlll unter dem rechten Schulterblatt, Meisterzeichen H im Rücken eingehauen.


 

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Im Apostelzyklus fällt diese Figur völlig aus dem Rahmen, weil die obligaten Schüsselfalten fehlen, welche bei allen andern im gerafften Manteltuch schwer lastend vor dem Körper hängen. Hier gleiten die Gewandfalten vorn ungehindert bis auf den Boden herab und betonen mit ihren gleichlaufenden Schwüngen die auffallend weite Ausbiegung der Gestalt. Würde nicht das Buch den Apostel oder einen Evangelisten kennzeichnen, so könnte man diese Idealgestalt gotischen Stilempfindens wegen ihrer edlen und gütigen Gesichtszüge oder ihrer schön gewellten Haare eher als Christus ansprechen. Die Gestalt ist auf ihrer rechten Seite durch die Verlagerung des Körpergewichts stark ausgebogen. Das Haupt folgt der Gesamtbewegung mit einer Neigung und Drehung nach links. Während die rechte Schulter samt dem das Buch tragenden Arm angehoben ist, senkt sich die linke mit dem lässig hängenden Arm und der nach dem abgleitenden Manteltuch greifenden Hand. Das Antlitz ist in eine viereckige Grundform einbezogen, welche durch die Lockenführung noch betont wird. Das Haupthaar gleitet in weit ausholenden Wellen an den Schläfen herab und fließt um die Kopfrundung bis in den Nacken zurück. Auch der Bart verharrt nicht in der Fläche, sondern wird am Kinn geteilt und in zwei Locken seitlich herausgedreht. Die zur Nasenwurzel gezogenen Stirnrunzeln, die von kantigen Augenbrauen überschatteten Augen, die fein geformte Nase, die unter den Jochbeinen eingefallenen Wangen und der zum Sprechen geöffnete Mund geben dem Gesicht einen lebhaften Ausdruck. Der Blick ist nach links unten gerichtet. In dem weiten Gewand bilden sich tiefe, frei herabgleitende Falten, die am Boden leicht gestaut und vorn zum linken Fuß gezogen werden. Der Mantel hängt nur über die rechte Schulter und wird vom Unterarm gerafft. Die rechte Hand hält das hochgestellte Buch frei zur Seite, die linke greift nach dem über den Rücken herabgleitenden Mantelende und zieht es nach vorn. Dabei ist der Stein unter dem Unterarm durchbrochen, was sonst bei den Rottweiler Figuren kein zweites Mal vorkommt. Hartmann weist diese Figur der Werkstatt des Apostelmeisters zu, ohne die einmalige Leistung zu würdigen. Beenken betrachtet den nach seiner Ansicht schönsten Apostel als eigenhändiges Werk des Apostelmeisters. Unter den keineswegs beziehungslos zueinander stehenden Apostelfiguren fällt dieses Werk als eine der einfallsreichsten Schöpfungen auf und muß, ganz abgesehen von dem Meisterzeichen H, dem Christusmeister zugewiesen werden. Gut erhaltene Einzelformen lassen seine Hand erkennen.

Lit.: Hartmann, 1910, S. 14 ff, Abb. Tafel 2. — Baum, 1921, S. 90 und Abb. 52 mit Text S. 149. — Beenken, 1927, S. 192 mit Abb. 112. — Baum, 1929, S. 27, Nr. 29 mit Abb. S. 20, 22. — Beeh, 1959, S. 154, Nr. 21. — Beeh, 1969, S. 113, Abb. 12, links.